Der Pharmaverpackungsspezialist Gerresheimer kämpft gleichzeitig gegen Bilanzprobleme, regulatorischen Druck und drohende Schadenersatzklagen. Ausgerechnet jetzt verliert das Unternehmen auch noch seinen Platz im SDAX — mit direkten Folgen für den Kurs.
Der Auslöser ist klar: Gerresheimer kann den geprüften Jahresabschluss für 2025 nicht bis zum 31. März vorlegen. Laufende Untersuchungen einer zweiten externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu Geschäftsvorfällen aus 2024 und 2025 brauchen mehr Zeit. Das Management peilt Juni 2026 als neuen Termin an.
Für die Deutsche Börse ist das eine Verletzung der Transparenzanforderungen — und damit Grund genug für den SDAX-Ausschluss. Indexfonds müssen die Aktie nun zwangsläufig verkaufen, was zusätzlichen Druck auf einen Titel erzeugt, der seit seinem 52-Wochen-Hoch bereits rund 75 Prozent an Wert verloren hat.
Als Gegenmaßnahme treibt das Management den Verkauf der US-Tochter Centor voran, die auf Verpackungssysteme für verschreibungspflichtige Medikamente spezialisiert ist. Morgan Stanley wurde für die Transaktion mandatiert. Das Ziel: die Kapital- und Finanzierungsstruktur noch 2026 zu stabilisieren.
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Das Problem dabei ist hausgemacht. Centor erwirtschaftet überdurchschnittliche Margen — ein Verkauf würde die ohnehin gesunkene Profitabilität des Konzerns weiter belasten. Zusätzlich erwartet Gerresheimer nicht-zahlungswirksame Wertminderungen von 220 bis 240 Millionen Euro im Abschluss 2025, die vor allem Technologieprojekte der Sensile Medical AG und das Moulded-Glass-Werk in Chicago Heights betreffen. Letzteres wird bis Ende 2026 geschlossen.
Die regulatorische Lage verschärft sich. Die BaFin hat ihre ursprünglich auf Bill-and-Hold-Vereinbarungen fokussierte Prüfung des Konzernabschlusses 2024 deutlich ausgeweitet. Nun geht es auch um die Bilanzierung von Leasingverbindlichkeiten, möglicherweise fehlerhafte Aktivierungen von Entwicklungskosten sowie unterlassene Wertminderungsbuchungen.
Parallel hat der Aktionärsschutzverband DSW ein Gutachten zu möglichen Verantwortlichkeiten eingeholt — betroffen sind neben den ehemaligen Vorstandsmitgliedern Siemssen und Metzner auch Aufsichtsratsmitglieder. DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler ruft geschädigte Aktionäre auf, sich zu organisieren, um mögliche Schadenersatzansprüche koordiniert geltend zu machen.
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Inmitten der Krise kursieren Übernahmeberichte als Lichtblick. Laut Reuters soll der US-Verpackungskonzern Silgan Holdings Interesse an Gerresheimer signalisiert haben — mit einer möglichen Bewertung von 41 Euro je Aktie. Ob ein konkretes Gebot folgt, ist offen; Gerresheimer selbst lehnte eine Stellungnahme ab.
Mittelfristig bleibt die Positionierung im GLP-1-Segment ein strategisches Argument: Gerresheimer liefert das Doppelkammer-Pen-System für CagriSema von Novo Nordisk. Eine FDA-Zulassung wird für Ende 2026 erwartet. Für das laufende Geschäftsjahr 2026 plant das Unternehmen Umsätze von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro bei einer bereinigten EBITDA-Marge von 18 bis 19 Prozent — vorausgesetzt, der testierte Abschluss im Juni bringt keine weiteren Überraschungen.
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