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Verkaufen wir am Tag der Quartalszahlen (Wolfgang Matejka)

Wir, als Amazon-, Zalando-, Thalia- und Onlineshopumdiecke-Trainierte dürften uns ja eigentlich kaum wundern was da gerade rund um unsere Aktienmärkte abgeht. Alles wird nämlich gerade billiger. Während die Konjunktur lautstark als gesund und stark erkannt wird, wird fast jede Unternehmensmeldung sofort mit einem „Hau drauf“ belohnt. Analystenmeinungen tendieren verschreckt zum Median und beten am Schluss sehr oft einfach die Marktbewegung, natürlich analytisch begründet, nach. Meinung verkommt zur Marktbeobachtung. Die Angst vor dem „es muss billiger werden“ treibt Viele an.

Wir sind in einer Zeit angekommen, in der man sich angesichts der massiv zugenommenen Faktoren „Online-Shopping“ und „Virtual Marketing“ um die richtige Kalkulation von Inflationszahlen Gedanken macht. Bereits 9,6% aller Einzelhandelsumsätze in USA kommen via E-Commerce zustande. In Europa ein ähnliches Bild. Es wird alles billiger, schneller und von weniger Individualität getragen. Wenn dich Amazon als Lieferant nicht auf die Liste nimmt, kannst du gleich zusperren oder hoffen, dass die Pensionisten ums Eck noch länger ihre Probleme mit dem Internet haben. Den Produktionskosten auszuweichen geht fast nicht mehr, weil auch China bereits die Post für sich entdeckt hat und von dort lokale Konkurrenz macht. Fast schon lustig, dass das Land des Lächelns sich sogar auf der Amazon Werbung wieder findet („with a Smile“). Offensichtlich ist hier auch keine Feindschaft zwischen den USA und China erkennbar. Logo, denn die größte Community an Anbietern in Amazon pro Land kommt bereits aus China. Und Amazon tut alles dazu damit dies so bleibt, denn das garantiert tiefe Preise. Stöhnt halt die halbe restliche Welt, weil sie mit den Preisvorstellungen kaum mehr mitkommt, aber das ist man ja von Hofer, Lidl & Co auch schon gewohnt. Fragen wir mal die Milchbauern wie das so ist.

Das ist alles fundamental getragen und reicht in die Perspektive einer möglichen Konsumzukunft hinein. Vielleicht gibt es aber auch andere Gründe warum in letzter Zeit so hemmungslos manchmal verkauft wird. Wenn doch die Ergebnisse unter Umständen gar nicht sooo schlecht waren. Warum man gleich alles rausdonnert weil vielleicht der Cash Flow im Quartal gerade 5% unter der Prognose lag weil eine Kundenrechnung später fakturiert wurde. Einer der Gedanken dieser Investoren hat nämlich garantiert auch mit der Liquidität zu tun. Jener Liquidität, die bei Ergebnismeldungen immer höher ist, als an normalen Börsentagen. Und es ist beileibe kein masochistischer Umstand, dass manche Investoren gerade an solchen Tagen auf diese kurzfristig steigende Liquidität vertrauend endlich verkaufen. Egal warum. Es deutet auch genau auf diese emotionale Orientierung hin, kurzfristig verkaufen zu können, wenn man die Art der Orderaufgabe, nämlich zumeist „bestens“, betrachtet. Endlich raus aus dem Investment. Ob damit nicht mittel- bis langfristig gerade die besten Kurse flöten gehen um wieder einzusteigen, ist sekundär. Zuerst einmal raus, nachdenken kommt später. Die Ursachen für dieses „Investorenverhalten“ können natürlich vielfaltig sein, aber immer wieder wird in diesem Zusammenhang der regulatorische Zwang bei etlichen Investoren genannt. Manche dürfen zum Beispiel inzwischen bestimmte Aktiengattungen gar nicht mehr haben. Weil sie kein Research mehr darüber beziehen oder die erlaubte Liste der investierbaren Aktien kleiner geworden ist. Hier wird  der Regulator oder der Risikomanager bereits zum Investor. Verkehrte Welt!

Es ist eine extrem kurzfristig orientierte Zeit geworden könnte man meinen. In Phasen aggressiver Geopolitik, gelähmt erscheinender EU-Politik, Straffreiheit für Blödheit in Parlament und Lokalpolitik, Administrations-Tsunamis im Monatstakt, regulatorische Knebelungen zum Schutz wo kein Feind mehr existiert, Datenklau trotz Datenschutz, sich vorzustellen, quasi den Wunsch zu hegen, endlich einmal in Ruhe gelassen zu sein. Nicht aufschrecken zu müssen was man nicht doch noch vergessen hat. Nicht von einer Kursbewegung überrascht zu werden die nichts mit Fundamentaldaten zu tun hat. Nicht vor der Polit-Glotze zu kauern aus Angst den nächsten „Sager“ zu versäumen, sondern ins Freie zu gehen und sämtliche Seelen dieser Welt baumeln zu lassen. Auch nur für kurz.

Zynische Annahme: was, wenn diese Kurs-Irritationen daher nichts anders sind als das Aufblitzen der Hilferufe mancher Investoren. Die es nicht mehr aushalten fundamental konzentriert zu bleiben und einfach mal draufhauen wollen. Der Urschrei am Orderblock. Der letzte Hinweis auf „Menschen im Business“ bevor die Order danach von Maschinen ausgeführt wird.



(05.09.2018)

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Wolfgang Matejka

Über 30 Jahre einschlägige Erfahrung im Bankwesen, davon über 15 Jahre in Führungspositionen

  • seit 07/2013 Chief Investment Officer der Wiener Privatbank SE
  • seit 07/2010 Geschäftsführender Gesellschafter der Matejka & Partner Asset Management GmbH
  • 02/2010 - 07/2010 Geschäftsführer der Oscar Investment GmbH Wertpapierfirma
  • seit 10/2009 Geschäftsführer der Matejka Beteiligungs GmbH, Erwerb, Verwaltung, Entwicklung und Veräußerung einer Beteiligung
  • 09/ 2009-10/2009 Vorstand der Q1 Capital Management AG, Unabhängiges Multi-Manager-Investmenthaus mit Sitz in Wien
  • 06 / 2009-10/2010 GF Sparrow GmbH. (Einzelgesellschaft) – Geschäftsgegenstand: Erwerb, Verwaltung und Entwicklung von Beteiligungen
  • 04 / 2006: GF Julius Meinl Investment GmbH
  • 03 / 2004: CIO Meinl Bank AG
  • 05 / 2002: Vst. Bank Vontobel Österreich AG
  • 01 / 1999: GF Allianz Invest KapitalanlagegesmbH.
  • 07 / 1994: Investment & Trust Bank (nunm. Allianz Investment Bank AG)
  • 04 / 1990: Länderbank Capital Markets GmbH.
  • 10 / 1981: Österreichische Länderbank AG
  • Matura (Naturwissenschaftl. Realgymnasium), CEFA, div. Fachseminare

>> http://wolfgang-matejka.com


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