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Ein Hilferuf nach dem Wiener Börsenpreis (Wolfgang Matejka)

Es wird Zeit. Eigentlich kann man sagen, es ist eins vor Zwölf. Noch mehr kann man sagen, dass derzeit ein sehr wichtiger Teil der Wirtschaft sichtbar leidet. Noch genauer kann man sagen, dass die Wirtschaft als Ganzes derzeit leidet. Und noch konkreter muss man sagen, dass der aktuelle volkswirtschaftliche Effekt gesamthaft als deutlich negativ zu beurteilen ist. Die Rede ist von der erstickenden Wirkung gehäufter Finanzregularien.

Bevor jetzt kommt, wie wichtig und wie sehr zum Schutz und wasnichtallespassierenhättekönnenwennnicht … nur der Versuch einer natürlich rein persönlichen Objektivierung. Objektivieren schadet ja nichts, oder?

Nun, der Besuch beim letzten Börsenpreis liefert den Tropfen der die Amphore zum Plätschern bringt. Tolles Fest, die Börse hat wirklich gut organisiert und der Wiener Börse kann man auch gratulieren. Hat innerhalb des ihr möglichen Rahmens wieder Bewegung und Engagement sichtbar gemacht. Indirekt motiviert. Nein, die Rede ist von den Festreden der geladenen Gäste. Und da natürlich die Politik an vorderster Front. Interessant waren hier weniger die Inhalte …, sondern wie sehr sich die Struktur dieser Reden in den letzten Jahren gleicht. Einem Fachpublikum, und ich bin so keck und unterstelle einmal diesen Terminus, wird mit atemloser Oberflächlichkeit eine Plattitüde nach der anderen an den Kopf gedonnert und das alles im Bemühen als „seinesgleichen“ Sympathien zu erhalten und andererseits als „Schutzbeauftragter“ die vielen Bedrohungen von allen möglichen Anlegern und Innen zu beleuchten. Die Tatsache, dass seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt kein einziger (nicht eine oder einer!) Politiker sich öffentlich zum Besitz von Aktien bekannt hat (O-Ton auf direkte Anfrage: „man will sich ja nicht angreifbar machen“) entlarvt so manche Glaubwürdigkeit. Aber alle, wirklich alle, sind mittlerweile auf der Schiene gelandet, dass es inzwischen auch ein paar Regularien weniger sein dürfen. Perfekt, möge man ausrufen! Endlich erkannt! Aber dem treuen Besucher solcher Veranstaltungen mit ein wenig ertrotztem Kurzfristgedächtnis mag der Ruf im Halse stecken bleiben in Erkenntnis so vieler ähnlicher Vorreden die … erraten nichts, aber wirklich gar nichts verbessert, zumeist sogar offen oder stillschweigend verschlimmert haben. Die Sehnsucht nach Preiseverleihung weil somit Buffet und Getränkenähe mag verziehen sein.

Was hier aber aufgezeigt werden mag, ist weniger die Enttäuschung durch Politik oder ähnliche Steuerungsbemüßigte, sondern der Hinweis darauf, dass der Zeitpunkt erreicht ist, wo sich die aktuell herrschenden Regularien sichtbar negativ in die Wirtschaftskreisläufe hineinarbeiten und bereits zu kaum zu reparierenden Effekten vertieft haben. Die Uhr tickt immer lauter, geläutet hat der Wecker bereits. Interessant, dass vor drei Jahren die EU einen Aufruf machte und erbat ihr via die jeweiligen lokalen Kontrollbanken oder Aufsichtsbehörden jene Regularien (damals waren es noch 63) zu melden von denen negative wirtschaftliche Effekte ausgehen. Man nahm sich damals drei Monate Zeit dies zu erheben. Als nach einem knappen Jahr noch kein Statement seitens EU kam fragte ich nach und bekam als Antwort, dass es kaum Hinweise oder Statements gab die gemeldet wurden, weil sich (wieder auf Nachfrage diesmal bei mehreren regulatorisch betroffenen Großbanken und Asset Managern) niemand getraut hat (!). Es hatte sich niemand am Regulator anstreifen getraut, aus Angst, danach selbst zum Ziel zu werden! Das allein enttarnt ja bereits das Grundproblem. Wir sind alle verschreckt, weil wir den Zweck des Ganzen nicht mehr mit der Vermeidung schlechter Tendenzen verbinden, sondern weil wir nicht im Fokus der Aufsichtsbehörden stehen wollen. Schlechtes Gewissen ist ja schon fast wie die Generalschuld mancher Religionen in unsere Branche geimpft worden. Quasi, wer im Finanzmarkt arbeitet ist schon halb schuld an Irgendwas. Was, das werden wir schon noch finden, weil Unschuldsvermutung gilt hier nicht wirklich (umgekehrte Beweislast wird immer mehr die Regel).

Und jetzt kommt es (sorry für die lange Overtüre): etliche Regularien gehen mittlerweile völlig an der Grundidee ihrer jeweiligen Entstehung vorbei. MiFID II beispielsweise ist ein administrativer aber noch viel mehr finanzmarkttechnischer Alptraum! Kaum Jemand, der nicht negativ betroffen ist, weil er sein geübtes Geschäftsmodell komplett umkrempeln muss, und da meine ich nicht die Privatkundenansprachen (ich vermute mal, die Beschwerdelisten bei Banken sind mittlerweile ellenlang geworden, weil kaum ein Privatkunde noch versteht was da alles von ihm verlangt wird nur damit die Bank keine „Schuld“ mehr treffen kann, von umgelenkten Kosten ganz zu schweigen), nein, sondern ganz normales Börsengeschäft. Wieso erkennt scheinbar niemand, dass die Liquidität bei Small & Midcaps (und davon haben wir in Europa gar nicht wenig, Österreich ist de-facto voll damit) rapide absinkt. Und das ziemlich exakt via Jahresbeginn, dem Start von MiFID II. Wer spricht mit Unternehmen die sich über oberflächliches Research oder sinkende Research-Quoten kränken? Wer hört Unternehmer die zum Bezahlen von Research ihres eigenen Unternehmens aufgefordert werden? Wer hört die Fondsmanager in großen Gesellschaften, die mit ihren vertrauten Ansprechpartnern nicht mehr sprechen, geschweige denn handeln dürfen, weil die nicht auf irgendeiner MiFID-Liste stehen? Wer fragt Broker warum sie bei vielen Kunden gar nicht mehr anrufen und auf Sondersituationen aufmerksam machen dürfen, weil sie nicht über den Platz auf irgendeiner Liste verfügen? Wer hört die lokalen Fondsmanager, die in ihrem eigenen Markt nicht über einen einzigen heimischen Broker oder Analysen mehr verfügen? Wer zahlt diesen „Opfern“ ihre Aufwendungen, nun direkt mit den Unternehmen den Kontakt zu suchen weil sie sonst keinen mehr haben (dürfen)? Wer belohnt diese „Partisanen“, die es ja viel leichter haben könnten, indem sie sich einfach den ETF um die Ecke kaufen, aber trotzdem den Weg zum aktiven Investment beschreiten? Wer fragt Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Asset Manager wie viel sie täglich mit Administrationen beschäftigt sind, die nichts mit ihrem funktionalen Betätigungsfeld zu tun haben? Wer kalkuliert die dadurch bestehenden Kosten? Wer kalkuliert den durch diese Kosten bestehenden Profitabilitätsdruck (bevor irgendwer etwas verdient müssen ja zuerst die Kosten verdient sein)? Wer die zusätzliche Zeitbelastung? Wer kalkuliert dies auf Ebene der Branche und dann auf Ebene der Volkswirtschaft? Wer traut sich öffentlich diese Kosten zu adressieren ohne gleich als Beschützer sämtlicher Krimineller auf diesem Planeten zu gelten und im populistischen Kotter zu vermodern? Wer traut sich die Rolle der Finanzwirtschaft in Verbindung mit Volkseinkommen objektiv zu beleuchten? Wer schafft es, auch die moralischen Argumente zu hinterfragen? Die Doppelmoral, einerseits die Armen und Dummen vor List und Tücke gieriger Finanzakrobaten und Vertreter zu schützen und andererseits die damit entstandenen exorbitanten Kosten klammheimlich der Allgemeinheit umzuhängen ohne parallel die staatsnahen Lotto oder Casino ebenso in Frage zu stellen? Wer fragt wie sich unser allgemeines Wohlstandsbild hier ändern würde wenn diese Kosten sinken würden?

Die Liste ließe sich wirklich lange fortsetzen aber wir wollen ja auch Zeit sparen. Es ist nur so, dass aktuell kein erhöhter regulatorisch ableitbarer Schutzeffekt mehr feststellbar ist, weil sich bereits nahezu sämtliche Betroffene, - und das ist ziemlich die gesamte Finanzbranche - im „rette dich selbst“-Modus befindet. Die Kosten werden den Kunden nach wie vor wo es geht weitergereicht. Ob direkt oder indirekt. Die Beschäftigten haben es doppelt so schwer, trotzdem und gerade weil sie keine Gauner sind. Die Wirtschaft ächzt ohnehin bereits unter Produktregularien und hat mit den auf sie überschwappenden Kosteneffekten der Finanzbranche noch zusätzliche Defensivmaßnahmen zu erledigen.

Und am Ende noch ein Bekenntnis: ganz ehrlich, so schwierig ist es nicht, Schweinereien oder Betrügereien an Finanzmärkten zu verhindern. Da gibt es, über die eigene moralische Einstellung hinaus, ein paar Stellschrauben, die man im Griff haben muss und sonst nichts. Eine Aufsicht gehört immer dazu. Respekt muss ja auch exekutierbar sein. Aber da gehört auch der echte Wille zur Objektivität und die Einbindung interner Profis dazu. Kein moralischer Imperativ mit eigenem Alleinstellungsanspruch. Keine Politik des Selbstverständnisses. Keine hohlen Reden. Keine Ankündigungen um den Abend zu retten und das Gesicht des Gastgebers zu wahren. Keine versteckte Wichtigmacherei zum Selbstzweck. Die Politik ist schon wichtig. Sie kommt nachher und darf über irgendwelche Skandale sprechen, die erst recht jetzt nie wieder passieren dürfen.

Wäre manchmal wirklich schön, wenn wir die Möglichkeit hätten, in die Zukunft zu sehen. Aber wer will das in diesem Kontext schon ...



(23.05.2018)



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Wolfgang Matejka

Über 30 Jahre einschlägige Erfahrung im Bankwesen, davon über 15 Jahre in Führungspositionen

  • seit 07/2013 Chief Investment Officer der Wiener Privatbank SE
  • seit 07/2010 Geschäftsführender Gesellschafter der Matejka & Partner Asset Management GmbH
  • 02/2010 - 07/2010 Geschäftsführer der Oscar Investment GmbH Wertpapierfirma
  • seit 10/2009 Geschäftsführer der Matejka Beteiligungs GmbH, Erwerb, Verwaltung, Entwicklung und Veräußerung einer Beteiligung
  • 09/ 2009-10/2009 Vorstand der Q1 Capital Management AG, Unabhängiges Multi-Manager-Investmenthaus mit Sitz in Wien
  • 06 / 2009-10/2010 GF Sparrow GmbH. (Einzelgesellschaft) – Geschäftsgegenstand: Erwerb, Verwaltung und Entwicklung von Beteiligungen
  • 04 / 2006: GF Julius Meinl Investment GmbH
  • 03 / 2004: CIO Meinl Bank AG
  • 05 / 2002: Vst. Bank Vontobel Österreich AG
  • 01 / 1999: GF Allianz Invest KapitalanlagegesmbH.
  • 07 / 1994: Investment & Trust Bank (nunm. Allianz Investment Bank AG)
  • 04 / 1990: Länderbank Capital Markets GmbH.
  • 10 / 1981: Österreichische Länderbank AG
  • Matura (Naturwissenschaftl. Realgymnasium), CEFA, div. Fachseminare

>> http://wolfgang-matejka.com


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