Eine neue Studie widerlegt die Existenz der Frühjahrsmüdigkeit. Forscher aus Basel und Bern fanden keinerlei Belege für das saisonale Leistungstief.
Die bahnbrechenden Ergebnisse, diese Woche im „Journal of Sleep Research“ veröffentlicht, stellen ein jahrzehntealtes Konzept auf den Kopf. Chronobiologen begleiteten dafür über ein Jahr lang 418 Erwachsene. Obwohl fast die Hälfte zu Beginn angab, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden, zeigten die Messdaten keinen Effekt.
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Die Probanden wurden alle sechs Wochen zu Erschöpfung und Schlafqualität befragt. Das Ergebnis war eindeutig: Im Frühling stieg die Müdigkeit im Vergleich zu anderen Jahreszeiten nicht an. Auch Sonnenstunden oder spezifische Monate hatten keinen Einfluss.
„Ein echtes biologisches Phänomen hätte sich in den Daten zeigen müssen“, so die Forscher. Da dieser Ausschlag komplett fehlte, muss die Frühjahrsmüdigkeit als wissenschaftlich nicht haltbar gelten.
Wenn es keine biologische Ursache gibt, warum klagen dann so viele Menschen im März über Müdigkeit? Die Studienautoren erklären dies mit kultureller Prägung und Psychologie. Der tief verankerte Begriff führe zu einem Nocebo-Effekt.
Allein die negative Erwartung lasse Menschen alltägliche Müdigkeit fälschlicherweise als saisonal bedingt interpretieren. Interessanterweise ist das Konzept im englischsprachigen Raum unbekannt. Dort spricht man vom „spring fever“ – einem Energieschub.
Ein weiterer Faktor ist gesellschaftlicher Druck. Mit den ersten warmen Tagen steigen die Erwartungen an Aktivität. Bleibt der Antrieb aus, bietet die „Frühjahrsmüdigkeit“ eine bequeme Entschuldigung.
Bisher erklärten Ratgeber das Phänomen mit Hormonen. Die gängige Theorie: Ein winterlicher Melatonin-Überschuss kollidiere im Frühling mit steigender Serotonin-Produktion. Die Schweizer Forscher weisen diese Erklärung nun zurück.
Melatonin wird nicht über Monate gespeichert, sondern im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. Ein winterlicher Überschuss, der im Frühjahr abgebaut werden müsste, existiere schlichtweg nicht. Auch die These von weiten Blutgefäßen bei Wärme greife als Erklärung für wochenlange Erschöpfung zu kurz.
Die Entlarvung des Mythos bedeutet nicht, dass die Erschöpfung eingebildet ist. Gesundheitsexperten warnen davor, reale Probleme fälschlich auf die Jahreszeit zu schieben. Die Hauptursachen sind oft simpler Schlafmangel oder schlechte Schlafhygiene.
Chronischer Stress, Bewegungsmangel und unausgewogene Ernährung sind weitere Energieräuber. Eine echte Belastung ist die bevorstehende Zeitumstellung Ende März. Dieser Mini-Jetlag kann bei vielen zu Schlafstörungen führen.
Hinter anhaltender Antriebslosigkeit können auch ernste Erkrankungen stecken, wie eine Depression oder Schilddrüsenstörung. Bei Erschöpfung, die länger als zwei bis vier Wochen anhält, raten Ärzte zur Abklärung.
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Die Studie markiert einen Wendepunkt für die Gesundheitskommunikation. Bisher wurden im Frühjahr spezielle Vitaminpräparate oder Lichttherapien gegen die vermeintliche Frühjahrsmüdigkeit vermarktet. Diese pauschale Vermarktung steht nun auf wackeligen Beinen.
Der Fokus wird sich künftig stärker auf evidenzbasierte Schlafmedizin und individuelle Stressbewältigung richten. Ärzte sind angehalten, bei Erschöpfungsbeschwerden genauer nach den wahren Ursachen zu suchen. Das könnte langfristig zu besserer Versorgung führen, wenn echte Erkrankungen nicht mehr übersehen werden.
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