Die Debatte um eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes eskaliert. Eine neue Gewerkschaftsstudie zeigt massive Überlastung im öffentlichen Dienst – genau zum falschen Zeitpunkt für die Regierungspläne.
Die Brisanz der politischen Debatte erhält neue Nahrung durch eine Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit. Die am 13. März veröffentlichte Umfrage unter mehr als 1.300 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zeichnet ein düsteres Bild: Rund 40 Prozent leisten regelmäßig Überstunden. 22 Prozent arbeiten wöchentlich ein bis fünf Stunden mehr, 17 Prozent sogar über fünf Extra-Stunden.
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Die Unzufriedenheit ist groß. 56 Prozent der Befragten wünschen sich eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit, nur 39 Prozent sind mit der aktuellen Belastung zufrieden. Besonders betroffen sind Beamte. Zwei Drittel von ihnen sehnen sich nach Entlastung, ein Drittel arbeitet regelmäßig über 40 Stunden, elf Prozent sogar mehr als 48 Stunden pro Woche.
„Wer jahrelang am Limit arbeitet, braucht keine politischen Belehrungen über Produktivität“, kontert DGB-Vize Elke Hannack die Forderungen nach längeren Arbeitszeiten. Die Daten seien eine klare Absage an Deregulierungspläne.
Die Zahlen treffen mitten in die kontroverse Initiative der Bundesregierung zur Reform des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG). Bisher gilt: Der Arbeitstag ist auf acht Stunden begrenzt, kann aber auf zehn Stunden ausgeweitet werden – wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt acht Stunden nicht überschritten werden. Zudem sind elf Stunden ununterbrochene Ruhezeit Pflicht.
Die Koalition unter Kanzler Friedrich Merz will diesen täglichen Deckel nun abschaffen. Stattdessen soll ein wöchentliches Maximum von 48 Stunden gelten, angelehnt an die EU-Arbeitszeitrichtlinie. Theoretisch könnten Arbeitnehmer dann an einzelnen Tagen deutlich länger schuften, solange das Wochenpensum stimmt.
Arbeitsschützer warnen vor den Folgen. Der tägliche Höchstwert sei ein biologisches Schutzschild. Sein Wegfall könne 13-Stunden-Tage normalisieren und die Burnout-Rate in die Höhe treiben.
Unternehmensverbände sehen im geltenden Recht dagegen ein Relikt aus dem Industriezeitalter. Vor allem Gastgewerbe, Tourismus und Tech-Branche drängen auf Reformen. Die starre Elf-Stunden-Ruhezeit passe nicht in die moderne Arbeitswelt. Wer abends um 22 Uhr eine E-Mail checke, dürfe laut Gesetz erst am nächsten Morgen um 9 Uhr wieder anfangen – das sei realitätsfremd.
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Mehr Flexibilität auf Basis einer 48-Stunden-Woche ermögliche bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, argumentieren die Arbeitgeber. Es gehe um Vertrauen in eigenverantwortliche Zeiteinteilung.
Gewerkschaften halten dagegen: Ohne starke Tarifbindung fehle vielen Beschäftigten die Macht, lange Schichten abzulehnen. Die Folge sei unbezahlte Mehrarbeit, wie sie die DGB-Studie bereits jetzt belegt.
Das Problem ist kein rein deutsches. Einen Tag nach der DGB-Veröffentlichung legte der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) alarmierende Zahlen vor. Demnach leisteten Arbeitnehmer 2025 rund 46 Millionen unbezahlte Überstunden. Der kollektive Lohnverlust: satte 2,5 Milliarden Euro.
Deutsche Gewerkschaften nutzen diese Daten als Warnung. Eine Aufweichung des Arbeitszeitrechts führe zu mehr unbezahlter Arbeit und gravierenden Gesundheitsrisiken. Studien belegen den Zusammenhang zwischen chronischen Überstunden und einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle, Schlafstörungen und Rückenleiden.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die elektronische Zeiterfassung. Seit Urteilen des EuGH und des Bundesarbeitsgerichts ist sie Pflicht. Doch die Umsetzung ist lückenhaft, die technischen Vorgaben unklar. Ohne lückenlose Dokumentation bleibt Mehrarbeit oft unsichtbar – und unbezahlt.
Der Konflikt dürfte sich im Frühjahr 2026 weiter zuspitzen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales arbeitet an einem Gesetzentwurf, der noch vor der Sommerpause vorgelegt werden soll. Die Gratwanderung: wirtschaftliche Flexibilität gegen europäisch vorgegebenen Gesundheitsschutz.
Die Gewerkschaften kündigen bereits Widerstand an. Sollte der Acht-Stunden-Tag fallen, drohen Proteste und Streiks. Mit der neuen DGB-Studie im Rücken wird die parlamentarische Debatte zu einer Grundsatzfrage: Darf Modernisierung auf Kosten der Gesundheit von Millionen Beschäftigten gehen?
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