Depressionen und Ängste kündigen Demenz oft Jahre im Voraus an. Das belegen mehrere neue Studien, die diese Woche veröffentlicht wurden. Sie zeigen: Psychische Veränderungen sind kein bloßes Begleitsymptom, sondern ein kritisches Frühsignal.
Forscher des Karolinska Instituts und der Universität Perugia analysierten Daten von über 1.200 Personen ab 65 Jahren. Ihr verblüffendes Ergebnis: 42 Prozent der kognitiv noch gesunden Studienteilnehmer zeigten bereits deutliche neuropsychiatrische Symptome.
Mithilfe von maschinellem Lernen identifizierten die Wissenschaftler vier spezifische Symptomprofile. Dazu zählen Muster aus Depression, Apathie und Angst sowie Profile mit Wahnvorstellungen und Reizbarkeit. „Diese psychischen Veränderungen sind ein integraler Bestandteil der frühen Krankheitsentwicklung“, erklärt Studienautorin Anna Marseglia.
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Die Studie verknüpft die psychischen Profile mit konkreten Gesundheitsfaktoren. Erhöhte LDL-Cholesterinwerte, schlecht regulierter Blutzucker und Schilddrüsenerkrankungen treten häufig gemeinsam mit den depressiven Symptomen auf.
Da sich viele dieser Faktoren behandeln lassen, eröffnen sich neue Wege für die Prävention. Könnte ein gezieltes Eingreifen den neurodegenerativen Prozess verlangsamen? Die Forscher sehen hier begründete Hoffnung.
Eine weitere Studie im „JAMA Network Open“ untersucht den Einfluss belastender Lebensereignisse. Das Ergebnis: Ungünstige psychosoziale Erfahrungen erhöhen das Demenz-Risiko deutlich.
Depressionen erklären dabei etwa 34 Prozent des Zusammenhangs zwischen traumatischen Kindheitserlebnissen und einer späteren Demenz. Die Behandlung von Traumata und der Erhalt der mentalen Gesundheit werden so zu entscheidenden Bausteinen der Vorsorge.
Während Früherkennung Chancen bietet, warnt eine Studie der Queen's University Belfast vor Risiken der medikamentösen Behandlung im fortgeschrittenen Stadium. Die Analyse von Verschreibungsdaten fast 29.000 Demenzpatienten zeigt alarmierende Trends.
Die Gabe von Antidepressiva ging mit einem leicht erhöhten Sterberisiko einher. Bei angstlösenden Medikamenten war das Risiko sogar stark erhöht. „Die Behandlung muss bei älteren Menschen mit Begleiterkrankungen äußerst sorgfältig abgewogen werden“, mahnt Studienleiterin Dr. Catherine Sinnamon.
Experten werten die konvergierenden Ergebnisse als bedeutsamen Wendepunkt. Die Frage, ob Altersdepressionen Reaktion oder Vorstufe der Demenz sind, scheint sich zugunsten Letzterer zu klären.
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Die Konsequenz: Gedächtnisambulanzen benötigen eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie, Neurologie und Innerer Medizin. Die hohe Zahl Betroffener mit frühen Symptomen unterstreicht den enormen Bedarf an Screening-Programmen.
Die Forscher planen bereits nächste Schritte. Sie wollen die identifizierten Verhaltensmuster mit bildgebenden Verfahren und Blut-Biomarkern abgleichen. Ziel ist ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen.
Regelmäßige Depressions-Screenings bei über 65-Jährigen könnten so zum Standard der Demenzprävention werden. Ärzte würden Hochrisikopatienten Jahre vor dem Gedächtnisverlust identifizieren – und wertvolle Zeit für vorbeugende Maßnahmen gewinnen.
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