RWE legt am Mittwoch seine Jahreszahlen vor – normalerweise Routine für einen DAX-Konzern. Doch diesmal ist die Ausgangslage eine andere: Das Bundeskartellamt wirft dem Essener Energieversorger marktbeherrschende Stellung vor, zeitgleich nimmt ein milliardenschweres Offshore-Projekt in Großbritannien Fahrt auf. Die Zahlen dürften zeigen, ob der Konzern finanziell robust genug ist, um beide Herausforderungen zu meistern.
Das Timing könnte kaum ungünstiger sein. Kurz vor der Bilanzvorlage hat das Bundeskartellamt in seinem sechsten Marktmachtbericht eine deutliche Diagnose gestellt: RWE verfügt zusammen mit LEAG und EnBW über erhebliche Marktmacht im deutschen Strommarkt. Der Grund liegt im Paradox der Energiewende – gerade weil alte Kohlekraftwerke vom Netz gingen, wurde das relative Gewicht der verbleibenden RWE-Anlagen größer.
Die Behörde misst Marktmacht daran, wie oft ein Erzeuger unverzichtbar für die Stromversorgung ist. Bei RWE lag dieser Wert zwischen 4,3 und 11,1 Prozent der Jahresstunden – deutlich über der kritischen Schwelle von fünf Prozent. Die rechtliche Konsequenz: Marktbeherrschende Kraftwerksbetreiber dürfen Kapazitäten nicht gezielt zurückhalten, um Preise zu treiben. Eine kurzfristige Entspannung der Lage ist laut Kartellamt nicht absehbar, da neue Kraftwerke erst in Jahren ans Netz gehen.
Während in Deutschland regulatorischer Druck wächst, setzt RWE auf internationale Expansion. Für das 1.380-Megawatt-Projekt Norfolk Vanguard West erteilte der Konzern einen festen Auftrag an Vestas – 92 Turbinen des Typs V236-15.0 MW sollen ab 2029 rund 1,5 Millionen britische Haushalte mit Strom versorgen.
Die Finanzierung steht: Ein Contract for Difference garantiert 91,20 Pfund je Megawattstunde, die Investmentgesellschaft KKR übernimmt 50 Prozent der Projektkosten. Das entlastet die RWE-Bilanz, auf der zuletzt eine Nettoverschuldung von 15,7 Milliarden Euro stand. Die finale Investitionsentscheidung soll im Sommer fallen.
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Am 12. März wird der Markt genau hinsehen, ob die operative Basis trägt. RWE hat seinen Investitionsrahmen bis 2030 von 45 auf 35 Milliarden Euro reduziert – ein Zugeständnis an die Kapitalmarkt-Realität. Ab 2028 sollen drei Viertel des operativen Ergebnisses aus Wind- und Solarenergie stammen, was stabilere Cashflows verspricht.
Das laufende Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Milliarden Euro stützt den Kurs, der seit Jahresanfang um gut zwölf Prozent zulegte. Für die Hauptversammlung Ende April schlägt der Vorstand eine Dividende von 1,20 Euro je Aktie vor.
Die Jahreszahlen werden zeigen müssen, ob RWE genug Spielraum hat, um gleichzeitig regulatorischen Druck im Heimatmarkt zu bewältigen und die Offshore-Expansion zu stemmen. Der Konzern steht vor einer Gratwanderung – mit begrenztem Netz.
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