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Was wir aus Brexit, Militärputsch etc. lernen können oder 6 Möglichkeiten, sein Anlagerisiko zu reduzieren (Thomas Vittner)

Ich muss zugeben, dass wir bei moomoc nicht damit gerechnet haben, dass die Briten sich tatsächlich für ein „out“ entscheiden. Umso größer war die Überraschung, als am Freitag früh nach der Abstimmung die Meldung über den Ticker lief. Natürlich war das erste, was ich dann tat, die aktuellen Börsenkurse zu überprüfen und was ich da sah, verhieß für den kommenden Handelstag nichts Gutes. Welche Lehren wir aus dem Brexit gezogen haben und wie Sie Ihr Depot vor solchen Ereignissen künftig besser schützen, erfahren Sie in diesem Essay.

Schwarze Schwäne sind eine Tierart, deren Existenz im 17. Jahrhundert noch angezweifelt wurde. Erste Siedler, die aus England nach Australien reisten, entdeckten diese Tiere an der australischen Westküste und als Sie daheim von Ihrer sensationellen Entdeckung erzählten, glaubte man ihnen vorerst kein Wort. Davon abgeleitet wurde der Begriff „schwarzer Schwan“ aber auch für Ereignisse, die unerwartet und selten auftreten. An der Börse wird diese Formulierung gerne ebenso verwendet, um solche Ereignisse, die meist negativ sind, zu beschreiben. Berühmte (und traurige) schwarze Schwäne der letzten Jahre waren 9/11, das wohl bekannteste Beispiel oder auch der Flash Crash am 6. Mai 2010. Beide Ereignisse stürzten die Märkte in ein Chaos, wenn auch die Auswirkungen von 9/11 viel länger spürbar waren und heute noch starken Einfluss auf die Weltpolitik haben.

Handelt man an den Börsen, sei es, um kurzfristig zu spekulieren oder um langfristig für seine Rente vorzusorgen, wird man von schwarzen Schwänen immer wieder am falschen Fuß erwischt. Denn so ein Ereignis kündigt sich vorher natürlich nicht an und daher ist es auch wenig sinnvoll, nach dessen Auftreten noch schnell panikartig irgendwelche Entscheidungen zu treffen.

Angst verhindert kluge Investmententscheidungen

Hatte der Urzeit Mensch Angst, zum Beispiel vor einem Raubtier, hatte er drei Möglichkeiten. Kampf, Flucht oder tot stellen. Da in so einem Fall für ein langes Strategie Meeting keine Zeit blieb, musste er seine Wahl blitzschnell treffen. Heute begegnen uns Raubiere selten und Manhatten und seine Wallstreet sind im Jahr 2016 relativ sicher. Trotzdem haben sich unsere Gene und die damit verbundenen Automatismen bei unseren Entscheidungsprozessen in den paar Tausend Jahren wenig verändert. Auch der moderne Mensch wählt aus diesen drei Optionen und da der wir heute vielfach direkten Zugang zu den Kapitalmärkten haben und dort unsere Orders absetzen, erleben wir sehr oft heftige Kursschwankungen und -stürze in Extremsituationen, die aus diesem Urverhalten entstehen.

Der Brexit zeigte diese Urängste sehr schön auf

Denn als die Nachricht zum Brexit über den Ticker kam, sackten die Kurse weltweit heftig ab. Am stärksten fielen die Märkte in Japan und in Deutschland. Denn als die Information noch frisch war, setzte der Fluchtreflex voll ein. Man konnte aber auch beobachten, dass im Laufe des Tages die Notierungen langsam wieder nach oben kletterten. Da dämmerte es wohl den meisten, dass diese Reaktion weit überzogen war.

Doch wie können wir künftig verhindern, dass uns solche schwarze Schwäne zu Verlierern machen? Wie können wir uns vor solchen Risiken künftig besser schützen?

6 Ratschläge, wie man sein Depot vor unerwarteten Ereignissen schützen kann

1. Ruhe bewahren

Auch wenn es im Moment nicht den Anschein hat: die Erde wird sich auch morgen noch drehen. Und auch die Sonne wird wieder aufgehen. Selbst nach dramatischen Ereignissen wie 9/11 gibt es ein morgen“. Wenn Sie Ihre Investments klug gewählt haben, ist der zu erwartende Kursrückgang immer nur temporärer Natur. Meist ist der Rückschlag nach wenigen Wochen wieder aufgeholt. Und falls der schwarze Schwan so heftig ist, dass die Sonne vielleicht doch nicht mehr aufgehen könnte, dann sind finanzielle Probleme und Ihr Depot ihre letzten Sorgen…

2. Nicht überhastet alles verkaufen

Dieser Fehler (Fluchtreaktion) hat schon viele Anleger viel Geld gekostet. Oder denken Sie, Sie sind der einzige, der diese Idee hat? Zum einen sind die Großen (Banken, Fonds etc.) immer schneller als Sie. Die verkaufen, wenn Sie noch gar nicht verkaufen können und somit sind die Kurse schon im Keller, bis Ihre Order an die Reihe kommt. Nicht immer aber doch sehr häufig kann man beobachten, dass die ersten Kurse des Tages in Extremsituationen schlechte Kurse sind, das die Spreads (Abstand zwischen Geld- und Briefkurs) vor allem in den ersten Handelsminuten groß sind und das Sie garantiert eine schlechte Orderausführung bekommen werden. Weiters werden die Notierungen gewöhnlich dann doch wieder zu einer gewissen Erholung ansetzen. Und wenn das am gleichen Tag nicht der Fall sein sollte, ist bei Punkt 1 nachzulesen.

3. Positionsgrößen richtig auswählen

Nach zwei Ratschlägen zum richten Verhalten aus emotionaler Sicht kommen nun einige fachliche Tipps. Legen Sie zunächst nicht alle Eier in einen Korb. Verteilen Sie aber umgekehrt Ihre Eier nicht auf zu viele Körbe, sonst verzetteln Sie sich. Ein kluger Anleger berechnet daher genau, wie viel Geld er in welches Investment steckt. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig doch aus meiner Sicht ist die beste Option, die Höhe der Anlage an die Schwankung des gewählten Finanzinstrumentes anzupassen. Im Fachjargon: die Position Size anhand der Volatilität unter Berücksichtigung des Kelly Factors zu ermitteln. Je volatiler ein Investment, desto kleiner ist die Position - für erfahrene Anleger eine alte Binsenweisheit an der Börse.

4. Gegen fallende Kurse absichern

Absicherungsgeschäfte sind unter Profis weit verbreitet. Privatanleger sind hier jedoch lernresistent und verzichten allzu gerne auf diese Maßnahme. Warum? Weil es zu kompliziert ist? Weil schon nichts passieren wird? Beides sind keine Argumente, Ihre Investments ungesichert laufen zu lassen. Sein Depot abzusichern, im Fachjargon „hedging“ genannt, ist auch gar nicht schwierig. Sie müssen dafür weder komplizierte Anlagen in Futures oder anderen Derivaten tätigen.

Absichern können Sie Ihre Anlagen zum Beispiel auch mit simplen ETFs. Wenn Sie einige Investements in deutschen Aktien haben, können Sie einen DAX ETF leerverkaufen. Wenn Sie in den USA investiert sind, bietet sich je nach Portfolio Ausrichtung eine Absicherung in einen ETF auf den Dow Jones oder der Nasdaq an. Oder eine Mischform aus den genannten Optionen. Leerverkäufe (oder im Fachjargon shorting) ist also nichts böses, wie manche Medien uns gerne weismachen wollen sondern dient oft der Risikoreduktion.

Um Leerverkäufe tätigen zu können, brauchen Sie natürlich einen Broker, der diese Geschäfte zulässt. Und Sie müssen wissen, wie stark Sie sich absichern. Patentrezepte für richtiges Absichern gibt es nicht. Trotzdem sollten Sie es künftig in Erwägung ziehen.

5. Diversifizierung

Neben der Wahl von passenden Positionsgrößen macht es Sinn, verschiedene Investment Ansätze zu verfolgen. Das beinhaltet zum Beispiel einen sinnvollen Strategie Mix. Natürlich hängt das vor allem von Ihren finanziellen Mitteln ab, denn es leuchtet wohl jedem ein, dass man mit einem Depot von 5000 Euro nicht in 27 verschiedenen Strategien investiert sein kann. Trotzdem sollte man versuchen, sein Risiko zu streuen und nicht alles auf eine Karte (oder Strategie) zu setzen.

6. Stopp Loss entfernen (jedenfalls bei Aktien)

Ich möchte hier nicht über die Sinnhaftigkeit eines Stopp Loss generell sprechen. Gerade bei Aktien ist dieser Orderart nämlich generell problematisch, auch wenn gerne gegenteiliges behauptet wird. Fakt ist und bleibt, dass ein Stopp bei einem Crash nichts bringt. Denn meist finden solche Ereignisse, die die Märkte erschüttern, zu Zeiten statt, an denen die Börse geschlossen hat. Bei 9/11 war es so. Und auch beim Brexit war es nicht anders.

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2016-07-16 Update (11:30 MEZ) Putschversuch in der Türkei

Es ist eine Ironie des Schicksals...diesen Beitrag schrieb ich am Freitag dem 15.7.2016 Nachmittags. Kurz nach 22.00 MEZ liefen erste Meldungen über den Putschversuch in der Türkei über den Nachrichtenticker. Die US Aktienmärkte schlossen um 22.00 Uhr MEZ und gingen mehr oder weniger unverändert aus dem Handel. Die US Equity Futures liefen aber Freitags - wie üblich - noch eine Stunde länger. Und natürlich hatten die Ereignisse in der Türkei auf die Futures eine Auswirkung, wie wir weiter unten am 5 Minuten Chart deutlich sehen können. Wir sehen die Kurslücke und wir sehen, wie die Notierung weiter nach unten läuft.

So wie es derzeit aussieht, ist die Lage vor Ort wieder unter Kontrolle. Doch man sieht hier erneut einen typischen schwarzen Schwan, dessen Heftigkeit man im Moment noch nicht abschätzen kann. Vielleicht (hoffentlich) hat sich bis Montag wieder alles beruhigt, vielleicht auch nicht. Doch diese Situation zeigt deutlich und brandaktuell, wie wichtig es ist, seine Investments mit geeigneten Maßnahmen zu schützen.

Den Chart finden Sie auf moomoc. Bitte hier klicken

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Solche Ereignisse wie ein Brexit oder das, was gestern in der Türkei passierte, haben oft zur Folge, dass die Futures bereits abtauchen und der gesamte Markt tief eröffnet. In vielen Fällen werden dabei Stopps einfach übersprungen und da sich die Verkaufsaufträge zur Börseneröffnung an solchen Tagen häufen und gleichzeitig wenig Leute kaufen, kommt es zu hohen Schwankungen in den ersten Handelsminuten. Weil die Specialists und Marketmaker an den Börsen auch erst ausloten müssen, wie sie die Notierungen fair preisen, sind darüber hinaus die Spreads enorm hoch. Ein Stopp wird daher in vielen Fällen unglücklich getroffen und darüber hinaus erzielen Sie einen schlechten Verkaufspreis.

Wiegen Sie sich also mit einem Stopp nicht in falscher Sicherheit. Weder an den Aktien Märkten noch beim Devisenhandel. Dort war die überraschende Aktion der Schweizer Notenbank mit der Franken Aufwertung ein gutes Beispiel, dass auch bei Devisen der Stopp keine Option für ein gutes Risikomanagement ist, denn viele Währungshändler erlebten herbe Verluste an diesem Tag, als deren Stopps viel zu spät gegriffen hatten. Im Fachjargon nennt man die schlechte Kursausführung, die damit einher geht, übrigens Slippage. Und bei stark schwankenden Märkten ist automatisch mit einer hohen Slippage zu rechnen.

Fazit

Schwarze Schwäne gibt es immer wieder. Man kann sie nicht vorhersehen. Auch der Brexit oder der Militärputsch waren nicht vorhersehbar, obwohl man beim Brexit zumindest das Datum der Abstimmung kannte. Tauchen schwarze Schwäne auf, ist es so gut wie immer zu spät, angemessen zu reagieren. Vorbereiten kann man sich aber sehr wohl, in dem man sein Depot mit den oben angeführten Maßnahmen schützt und dann, wenn so ein Ereignis auftritt, die Ruhe bewahrt.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Aber mit hastigen Entscheidungen ist niemanden geholfen. Wichtig ist dabei vor allem der Lerneffekt. Übersteht man mit im Vorfeld strategisch klug getroffenen Entscheidungen einen solchen schwarzen Schwan einmal, tut man sich beim nächsten Mal leichter, auch wenn das Folgeereignis mit Sicherheit andere Ursachen und Auswirkungen hat oder haben wird. Hat man so etwas einmal erlebt und erfahren, dass es sich immer nur um einen temporären Rückschlag handelt, auf den man nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet war, dann wird man beim zweiten Mal viel besonnener reagieren. Obwohl es natürlich mental immer eine Herausforderung bleiben wird, so viel muss man fairer weise sagen.

Jede Form der Geldanlage, ob über moomoc oder mit „do it yourself“ ist langfristig zu verstehen, auch wenn Sie für einzelne Investments vielleicht kurze Haltedauern bevorzugen. Rückschläge gehören dazu, sind aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Eine Investment Strategie erarbeitet man sich durch nachdenken, ausprobieren aber nicht mit Eile. Weder Flucht noch Kampf noch totstellen machen in Extremsituationen Sinn. Wer die 6 Ratschläge beherzigt, der wird seine Anlageziele langfristig auch erreichen. Und das ist das einzige, worauf es bei der Geldanlage ankommt.



(18.07.2016)

Brexit, EU Flagge, Union Jack, UK http://www.shutterstock.com/de/pic-338831222/stock-photo-brexit-detail-of-silky-flag-of-blue-european-union-eu-flag-drapery-with-puzzle-piece-with-great.html, (© www.shutterstock.com)


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Thomas Vittner

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