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#ibizagate: Schroedinger Situation, Selbstlob ORF (Niko Alm, addendum)

Dem veröffentlichten Teil des Balearenstücks ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus haben durch ihre Rücktritte die naturgetreue Wiedergabe ihrer Aussagen und Handlungen bestätigt und selbst Konsequenzen gezogen. Die Causa prima war damit schnell einer Erledigung zugeführt. Kein Diskussionsbedarf mehr.

Trotzdem bleiben Fragen offen. Wer hat dieses Video beauftragt? Mit welcher Motivation? Zur unheiligen Dreifaltigkeit von Waffen, Glücksspiel und so weiter: Ist es Zufall, dass Gaston Glock, Novomatic und René Benko denselben Anwalt haben? Wie funktioniert Parteienfinanzierung über Vereine?
Die Zuwendung und Recherche zu diesen sekundären Fragen ist weder Ablenkungsmanöver vom Inhalt des Videos noch Gegenargument oder Exkulpierung – selbst wenn die Legitimität der Erstellung des Videomaterials hinterfragt wird. Die Beantwortung dieser Frage wäre auch ein Präjudiz für weitere derartige Leaks und liegt im Interesse von investigativen Journalisten, Medien und interessierter Öffentlichkeit. Stünde es Strache sogar zu, selbst das ganze Material zu sichten, um Teile daraus zu veröffentlichen? Oder reicht es, wenn Florian Klenk den ehemaligen Sportminister entlastet („schmutzige Zehennägel“) und F und Alter näher zusammenrückt?
 

A Schroedinger Situation

All das ändert naturgemäß nichts am Gesagten, aber wie wichtig die Klärung dieser Frage ist, kann nur durch die Antwort selbst geklärt werden. Der Standpunkt „der Zweck heiligt die Mittel“ alleine reicht nicht. Nehmen wir hypothetisch zwei Fälle an:

  1. Ein beliebtes Gerücht: Die ÖVP hat das Video selbst gemacht und platziert es jetzt, um die angeblich bereits zu Beginn des Jahres gebuchten Plakatflächen im Herbst gleich für eine Nationalratswahl bespielen zu können.
    Sollte das der Fall sein, müsste Kurz sofort mit einem Misstrauensantrag entfernt werden.
     
  2. Ebenso beliebt: Es war doch Jan Böhmermann, der mit Österreich Schlitten fährt, um Kabarett zu machen. Oder litt er einfach an romyscher Inkontinenz durch den Überdruck der Mitwisserei? In dem Fall wäre ein Misstrauensantrag gegen den Bundeskanzler schon nicht mehr in der Klarheit zu bewerten. Aber morgen wissen wir mehr: What Do You Know, Deutschland?

Und wir könnten uns noch viele andere Urheber und Motive ausdenken, die auch jetzt nach dem Ende von Schwarz-Blau noch gehörigen Impact hätten. Die Arbeit beginnt jetzt.
 

Bis jetzt haben Medien nicht viel geleistet

Die Betonung der Wichtigkeit unabhängiger Medien und das Selbstlob des ORF bedarf auch einer Erdung. Bis jetzt haben österreichische Medien in der Sache nämlich nicht viel geleistet. Mit Ausnahme natürlich von Tobias Pötzelsberger, der einen unaufgeregten, nicht affektierten Moderator eines Nachrichtenformats abgeben würde. Er nützt ja Twitter nach eigenen Angaben nicht, um sich selbst darzustellen, sondern nur passiv, als Beobachter, wie man es von einem neutralen Vertreter eines öffentlich-rechtlichen Mediums auch erwarten kann. Mit Betonung auf „auch“. Die Rolle kann freilich aktiver angelegt werden. Armin Wolf nützte die Gelegeneheit beispielsweise, um auf seinem persönlichen Blog einen berührenden Text über seine Beziehung zu Strache zu veröffentlichen. 

Wenn Dieter Bornemann, als „Sprecher der ORF-JournalistInnen“ politisch aktiver Vertreter und Lobbyist des ORF, behauptet, das „gesamte Team der #ZiB zeigt heute, wie wichtig unabhängiger Qualitätsjournalismus für die Demokratie ist. #orf“, dann vergisst er, dass die Leistung der Öffentlich-Rechtlichen in der Sache recht bescheiden war. Das Medienhaus pflegt selbst wenig investigative Recherche und deckt in der Regel nichts auf. Die Wichtigkeit der Arbeit des ORF besteht – und das darf man sich vom gebührenfinanzierten, größten Medienhaus des Landes auch erwarten – in der breiten, aber sekundären Verwertung der Konsequenzen durch Live-Übertragungen der Politikerstatements und Analysen von Peter Filzmaier. Und auch hier waren Puls4 und Corinna Milborn schneller und wendiger.
Das Video wurde nicht ohne Grund privaten Medienhäusern in Deutschland zugespielt. Was hätte der ORF wohl mit dem Videomaterial gemacht? Es ist schwer vorstellbar, dass es an der Regierung vorbei einfach gezeigt worden wäre. Nach der Distanzierung des ORF von den Aussagen Jan Böhmermanns in der Sendung Kulturmontag und dem tollpatschigen Versuch, sie durch die Etikettierung als Satire doppelt zu immunisieren, nach dem Auspiepsen von Maschek zu urteilen, war es sicher die richtige Entscheidung. Die Vorstellung, der ORF hätte dieses Video direkt bekommen, ist mehr als beunruhigend. 

Fritz Hausjell meint: „Die Bilanz nach 1,5 Jahren #TuerkisBlau-Regierung: Ja, manche Medien sind eingebrochen. Aber vielen Journalistinnen und Journalisten gebührt großer Dank für mutigen, aufklärerischen Journalismus. Die liberale Demokratie braucht diesen Journalismus dringend – und umgekehrt.“

Damit hat er naturgemäß recht, aber den ORF kann er damit ganz offensichtlich nicht meinen. Der Weg, das Video über die deutsche Bande zu spielen, ist naheliegend. Das Vertrauen in private Medienhäuser, damit verantwortungsvoll umzugehen, ist offensichtlich größer. Und selbst der Spiegel und die Süddeutsche haben das Material nicht recherchiert, sondern gesichtet, geprüft und im Bewusstsein ihrer journalistischen Verantwortung veröffentlicht.

Die wirkliche Arbeit, die eigentlichen Recherchen der Medien, beginnt erst jetzt. Es liegt noch viel vor uns.

Alles Gute
Niko Alm

PS: Im Licht der letztwöchigen Ereignisse wäre es noch sinnvoller gewesen Hyäne Fischer zum ESC zu schicken. Aber auch das verdeutlicht, wie es um den Mut und die Weitsicht des ORF bestellt ist.



(21.05.2019)

Ibiza, Strand, Meer, Urlaub - https://de.depositphotos.com/16706263/stock-photo-the-word-ibiza-written-in.html, (© https://depositphotos.com)


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Niko Alm

Quo Vadis Veritas, http://addendum.org

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