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Über Venedig, Silicon Valley, Apple, Snapchat, Uber & Co. - The Winner takes it all (Gerald Hörhan)

Venedig ist eine wunderschöne Stadt und zieht jedes Jahr Millionen Touristen an. Venedig ist auch verdammt teuer, eine Fahrt mit dem Wassertaxi zum Airport kostet Euro 120, ein gutes Mittagessen ohne Alkohol Euro 50 und mehr, ein ordentliches Hotelzimmer Euro 200 aufwärts; trotz hoher Preise ist der Service bestenfalls mittelmäßig. Der Grund dafür ist simpel: In Venedig herrschen oligopolartige Wirtschaftsstrukturen vor, in der ganzen Stadt gibt es nur eine Handvoll Notare, die Anzahl der Baufirmen ist auch nicht viel größer, und die Auswahl an Handwerkern sehr begrenzt; der Wettbewerb ist ebenso überschaubar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Wer durch Erbschaft, politische Beziehungen oder geschäftliches Geschick in den Genuss einer entsprechenden Lizenz oder Geschäftserlaubnis kommt, der hat die Lizenz zum Gelddrucken; und er muss sich dafür nicht einmal stark anstrengen, die Touristen kommen ohnedies jedes Jahr.

Was haben nun Venedig und Silicon Valley gemeinsam außer der Lage am Meer?

Oligopolartige Strukturen. Auch in der New Economy beherrschen nach einigen Jahren des kreativen Chaos wenige Firmen den Markt, und das Preisniveau ist entsprechend üppig. Wer schon einmal eine Wohnung auf Immobilienscout24 inseriert, Google Werbung verwendet, als Hotelier Hotelzimmer über excite.com, booking.com oder hotels.com verkauft, oder über eine Partnerbörse einen neuen Sexpartner gesucht hat, kann ein Lied darüber singen. Amazon nutzt seine Marktmacht, um Buchverlagen seine Konditionen zu diktieren, Uber wird (voraussichtlich) in einigen Jahren die Preise für Taxifahrten und Fahrzeuge bestimmen.

Der Grund für diese Entwicklung ist relativ einfach: In der New Economy gilt das Prinzip „Winner Takes it All“. Ein Notar aus Silicon Valley ist kein Konkurrent eines Notars in Venedig, eine Software oder Internetfirma aus Silicon Valley ist für eine Software oder Internetfirma aus Italien sehr wohl ein direkter Wettbewerber. Der Markt in der New Economy ist global, der Gewinn für den Besten auf globaler Basis üppigst, der Zweit- und Drittbeste erhält auch noch etwas, danach wird die Luft dünn. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch im Profifußball, bei Schauspielern, Künstlern oder CEOs.

Verschärft wird diese Entwicklung durch folgendes Phänomen: Der Wert einer Internetplattform wächst exponentiell mit der Anzahl der Teilnehmer. Eine Dating-Plattform mit wenigen Mitgliedern hat keinen Wert, wer geht schon auf eine Dating-Plattform, auf der es keine große Auswahl gibt. Eine Dating-Plattform mit sehr vielen Mitgliedern hingegen hat einen gewaltigen Wert, viele User besuchen die Seite jeden Tag. Eine derartige Marktmacht ist, sobald sie etabliert ist, schwer zu knacken. Ähnliches gilt für Seiten wie Immobilienscout24 oder Mobile.de. Ein Wassertaxiunternehmen aus Venedig hat diesen Luxus nicht. Denn fünfmal soviele Taxis bedeuten genau fünfmal soviel Gewinn und Unternehmenswert, nicht 25 oder 100mal soviel.

Auch wenn ein Wassertaxiunternehmen oder ein Notariat in Venedig nicht einmal ansatzweise den Firmenwert einer erfolgreichen New Economy Firma haben wird: Das Leben als Notar oder Wassertaxibesitzer in Venedig ist deutlich beschaulicher und risikoärmer. Das Unternehmen in Venedig ist durch Geographie oder Politik geschützt, auch wenn der Service und die Dienstleistung dürftig sind. Die Internetfirma behält nur solange ihre Marktmacht, solange sie innovativ ist, ihre Dienstleistung ständig weiterentwickelt und besser bleibt als Newcomer auf dem Markt. Schafft sie dies nicht, wird das Unternehmen rasch von einer neuen Plattform oder Idee verdrängt, und die Marktmacht schwindet binnen eines Jahres. Beispiele dafür gibt es genug: Wer kennt heute noch AOL, Myspace oder StudiVZ? Das Wassertaxiunternehmen oder das Notariat hingegen behalten solange ihren Wert, solange Touristen nach Venedig kommen.

Derzeit ist es cool, ein Start-up zu gründen, viele Absolventen von Elite Unis oder Kaderschmieden wie McKinsey oder Investmentbanken wollen am Boom teilhaben. Die Zahlen der Gewinner sind tatsächlich gewaltig: Apple hat USD 100 Milliarden Cash, WhatsApp wurde für USD 16 Milliarden gekauft, Snapchat wird bald ähnlich bewertet, Uber sowieso. Allerdings bedenken viele der Goldgräber nicht, was „Winner Takes it All“ auch bedeutet: Es gibt sehr viele Verlierer. Der Preis des Siegers ist gewaltig, gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen so gering wie einen Jackpot zu knacken. Vielleicht ist das Wassertaxiunternehmen aus Venedig (stellvertretend für viele vergleichbare Geschäftsmodelle mit wenig Wettbewerb) überhaupt nicht so unattraktiv, obwohl es auf den ersten Blick langweilig erscheint. Der statistische Erwartungswert, Geld zu verdienen, ist jedenfalls beim Internet Start-up deutlich geringer als bei klassischen oligopolistischen Strukturen. Trotz Silicon Valley und Technologierevolution werden sich Geschäftsleute aus Venedig auch in 10 Jahren eine goldene Nase verdienen und die Touristen kräftig zur Kasse bitten. Und mit ebenso hoher Wahrscheinlichkeit werden 97 von 100 Start-ups die jetzt gegründet werden, in 10 Jahren nicht mehr aktiv sein.



(06.10.2014)

Venedig, Italien, Canale Grande, Basilika di Santa Maria, http://www.shutterstock.com/de/pic-130177562/stock-photo-canal-grande-and-basilica-di-santa-maria-della-salute-venice-italy.html , (© shutterstock.com)


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Gerald Hörhan

Gerald Hörhan ist ein österreichischer Investment Banker, Querdenker, Unternehmer und Publizist. Via Akademie richtet er sich an alle. Via Runplugged sind Proben seiner Bücher gratis zu hören. 

>> http://investmentpunk.com/academy/


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